Neustadt

Evangelische Kirche am Markt

Das Breuberger Land wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts von dem Grafen von Wertheim regiert. Diese hatten auch das Recht, die Pfarrstellen in ihrem Herrschaftsgebiet zu besetzen. Graf Michael II. konnte die begonnene Reformation in seinem Herrschaftsgebiet nicht zu Ende führen, da er 1531 starb. Sein Enkel, Graf Michael III. – erst zweijährig – konnte die Regierung nicht übernehmen. An seiner statt übernahm diese seine Mutter Barbara, die die Reformation vorantrieb und diese in den 30er und 40er Jahren des 16. Jahrhunderts im Breuberger Land einführte. Als Auswirkung des reformatorischen Gedankengutes in Neustadt kann der Bau der sandsteinernen Kanzel in der Kirche gelten, die 1570 errichtet wurde, um der Verkündigung des Evangeliums einen würdigen Rahmen zu geben.

Am 22. Juni 1378 wurde Neustadt unterhalb des Breubergs gegründet. Es ist davon auszugehen, dass die Stadt auch bald danach ein Kirchengebäude erhielt. In Urkunden des Jahres 1421 und 1455 wird eine solche erwähnt.

Sandsteinplatte mit Datum 1480.

Blick in den Innenraum der Kirche

Auf die Entstehung der heutigen Kirche verweist eine eingemauerte Platte an der Straßenseite des Turmes, auf der „Wilhelm Grave zu Wertheim“ sowie die Jahreszahl 1480 zu lesen ist. Der Graf zu Wertheim ist der Auftraggeber des Kirchen-gebäudes, das kleiner war, als die heutige Kirche.

An den wuchtigen Westturm schloss sich Ende des 15. Jahrhunderts das Schiff an, das sich ursprünglich bis zur Höhe des heutigen Taufsteines erstreckte.

In der Mitte des 17. Jahrhunderts wird die Kirche zu klein, da die Zahl der Einwohner nach dem 30jährigen Krieg wächst. Um 1660 veränderten die Neustädter ihre Kirche dahingehend, dass sie die Stühle der Adeligen versetzten, um so mehr Platz für die Gemeinde zu schaffen. Gleichzeitig wurde auch das Niveau des Fußbodens erhöht, um die Feuchtigkeit zu beseitigen.


Am 4. August 1686 schreiben die Neustädter an den Grafen von Löwenstein-Wertheim mit der Bitte um Erweiterung der Kirche: „daß Mir mit den Unsrigen das heilsame Wort Gottes anzuhören in der Neustädter Kirchen nicht genügsamen Raum und Platz haben, welches dann, zu Zeiten ein ärgerliches Gedräng verursachet und viele aus dem Haus Gottes zu bleiben genötiget werden, wodurch also die Erbauung in unserem Christentum verkürzet und manch andächtiges Vaterunser für glückliches Wohl­ergehen unsere Heben, hohen Obrigkeit vermieden bleibet.“

Zwei Monate später werden Maurer beauftragt, die die Kirche teilweise abbrechen und zur Hangseite des Breubergs hin erweitern sollen. Der alte Bau wurde folglich wesentlich nach Norden und Osten hin erweitert. Die Zimmerleute sollen dann „ein neu Dachwerk mit einer Chörhauben“ und „inwendig der Kirchen drei gedrehte Säulen, alhvo der Durchzug und das Gebälk aufzuliegen kommen, gemacht und gesetzet werden.“ Zu dieser Zeit kam es auch zu einem neuen Eingang an der Südseite des Langhauses, von dem noch ein Türsturz mit der Jahreszahl 1701 kündet.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Beschaffung der Gelder, geht es dann zügig voran, so dass das Schiff 1725 sein heutiges Aussehen erhält. Im Jahr 1739 erhält der Turm seine heutige Haube. Mit der Anschaffung der Kirchturmuhr schließt der Kirchenumbau ab, der von 1686 bis 1749 dauerte.


Anlässlich des Neustadttreffens 2012 entstand die Ausstellung

 

"Kirchliches Leben in Neustadt im ausgehenden Mittelalter"



Pfarrhaus

Die ev. Kirchengemeinde Neustadt erwarb 1957 das Gebäude, das ursprünglich von einem herrschaftlichen Beamten errichtet wurde.

Die Inschrift über dem Kellereingang berichtet von der Entstehung: „Ano 1592 ist dieser Keller von Georg Otto zu Rodenstein derzeit Erbach Amptt uff Breuburg gebaut worden,“ der als Weinkeller errichtet wurde.

Um 1750 wird es als Haus von Frau von Dorffelden erwähnt. Um 1820 gehörte das Anwesen Forstmeister Menges und 1830 wird Forstmeister Ostner genannt, bevor es 1855 vom Höchster Klosterfonds übernommen wurde. Die zweiklassige Neustädter Schule zog 1862 in das Gebäude ein, in dem auch zwei Lehrerwohnungen eingerichtet wurden.

Im Feuerversicherungsbuch von 1898 steht als Besitzer der Klosterfonds zu Höchst: "Nr. 32 alt, 57 neu. Wohnhaus mit gewölbtem Keller, 2 St. jetzt und Mansardendach, a) Anbau am Wohnhaus 1 St., b) Küchenbau 2 St., c) Scheuer und Stall 1 St., d) Abtritte 1 St., e) Schweineställe mit Pissoir, f) Nebengebäude mit Waschküche, Backofen  Holzschuppen 1 St."

Das Gebäude wurde 1973/74 als Gemeindezentrum mit Pfarrwohnung renoviert. Mit der Baumaßnahme Ende 2011 und 2012 erfolgte die bislang letzte umfassende Renovierung, bei der das Gebäude unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten erneuert wurde und wieder sein typisches äußeres Aussehen, das es bis in die 1940er Jahre hatte, zurückerhielt.

Auf dem Anwesen befindet sich noch eine alte Remise.

Fotos: Uwe Hendgen, Breuberg-Neustadt; Ev. Pfarramt.

Quellen:

  • Stadtarchiv Breuberg: Neustadt XXI/9b/23/1 Geschoßbuch 1758; XXVII/3/7/2 Brandkataster 1822; XXVII/3/7/3 Brandkataster 1827; XXVII/3/7/5 Feuerversicherungsbuch 1898, S. 36.

Benutzte Literatur:

  • Hermann Ehmer, Die Grafen von Wertheim und die Reformation der Herrschaft Breuberg. In: Kirchen im Breuberger Land. Rai-Breitenbach, mit Beiträgen von Hermann Ehmer, Thomas Geibel und Georg Rainer Hofmann, hg. im Auftrag des Höchster Klosterfonds von Pfarrer Thomas Geibel, Höchst 1989, S. 9-35.
  • Karl Römheld, Die Kirchen um den Breuberg. In: 600 Jahre Stadt am Breuberg. Bausteine zu einer Geschichte der Stadt Breuberg, hg. anlässlich der 600-Jahrfeier der Gründung Neustadts im Auftrag des Magistrats der Stadt Breuberg von Dr. Hans H. Weber, Breuberg 1978, S. 120-135.
  • Ludwig Funck, Alte Neustädter Häuser und ihre Besitzer. In: 600 Jahre Stadt am Breuberg …, Breuberg 1978, S. 211-266.